Reisebericht Enniger hilft Kindern 2005

Vier LKW und ein Wohnmobil vor dem Start

In der vergangenen Woche wurde von vielen fleißigen Helfern der Schützenbruderschaft das Material und die Hilfsgüter für die 8. Fahrt der "Roten Engel" verladen. Nun stehen über30 Tonnen Lebensmittel, mehr als 1.500 Kleiderpakete für Familien und Kinder und eine komplette Kleinbäckerei,sowie 2 Materialcontainer zur Abfahrt bereit:
Das Ergebnis der gemeinsamen Anstrengungen der letzten 2 Jahre!

Rumänien 2005

Vor der Abfahrt: Das traditionelle Gruppenfoto

Nach einem letzten gemeinsamen Kaffeetrinken mit den Familienangehörigen stellen sich die Rumänienfahrer zum Gruppenfoto auf. Noch sehen die "Roten Engel" ausgeschlafen und erholt aus. Die nächsten 9 Tage werden ihnen viel abverlangen.

Rumänien 2005

Bewegender Abschied

Es ist schon gute alte Tradition: Punkt 17:00 Uhr startet Rudolf Fissahn das Wohnmobil - genannt "Nasenbär" - und gibt damit das Zeichen für den Start zu den insgesamt 2.400 km in Richtung Donaudelta. Zuvor haben sich alle Fahrer von ihren Familien verabschiedet. Da wird umarmt, geweint und beste Wünsche werden mitunter sorgenvoll auf den Weg gegeben.
Unter Beteiligung vieler Bewohner und Bewohnerinnen des Dorfes und der vielen Menschen, die die Rumänienhilfe so stark unterstützt haben, setzt sich der Konvoi in Bewegung.

Rumänien 2005

Bayerische Brotzeit

Gegen 22:30 Uhr gibt es mitten in Franken die erste deftige Brotzeit. Der Hilfskonvoi liegt gut in der Zeit und hat wie vorgesehen ordentlich Kilometer gemacht. Bevor die Nachtschicht sich zur Grenzüberquerung zu
Österreich bereit macht, werden die gut belegten Baguettes dankbar in nächtlicher Kälte verzehrt.

Rumänien 2005

An Ungarn´s Grenze

Nach ruhiger und zügiger Nachtfahrt erreicht der Konvoi die österreichisch-ungarische Grenze um 8:00 Uhr morgens. Die Zollformalitäten werden beim neuen EU Mitglied zügig und professionell erledigt, so dass der Tross sich schon um kurz vor 9:00 Uhr daran machen kann, die Republik Ungarn zu durchqueren. Noch nie ist es einer unserer Rumänienfahrten gelungen, so schnell die Grenze bei Nickelsdorf zu überqueren. Gegen 11:00 Uhr werden Sanitäranlagen angesteuert und es sitzen wieder Menschen am Steuer.
Die Stimmung ist gelassen und äußerst harmonisch.

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Deutliche Verzögerung an der nächsten Grenze

Womit nicht gerechnet wurde: Die Ausreise aus Ungarn gestaltet sich ungewöhnlich lange. Bereits 15:30 Uhr erreicht der Hilfskonvoi die ungarisch-rumänische bei Nagylak - Arad.
Obwohl alle Papiere in Ordnung sind verzögert sich die Ausreiseprozedur enorm, da die ungarischen Behörden
dem Verkehrsaufkommen nicht gewachsen sind und zeitweilig die Software abgestürzt ist. Erst um 19:00 Uhr erreichen alle LKW das Abfertigungsgelände des rumänischen Zolls.
Hier wird naturgemäß mit größeren Schwierigkeiten gerechnet, so daß sich die gesamte Hilfsmannschaft auf einen längeren Aufenthalt einrichtet. Während die einen die Verhandlungen mit den Zollbehörden führen, bereiten die anderen mit Andreas Spitthöver die erste warme Mahlzeit vor. Allen geht es gut, und die Stimmung ist hervorragend.

Nagylak, den 23.04.05 20:30 Uhr MESZ

Rumänien 2005

So schnell ging´s noch nie!

Eigentlich hatten sich alle auf die üblichen Verzögerungen an der rumänischen Grenze eingestellt: eine Wagenburg wurde aufgestellt, die erste warme Mahlzeit vorbereitet - und dann geht alles ganz schnell . . . Die kleine Verhandlungsgruppe kommt vom Zollgebäude zurück. Alle Stempel und erforderlichen Dokumente sind erteilt. Der Zoll hat den ganzen Konvoi freigegeben. Nach noch nicht einmal zwei Stunden! Rekordzeit!! Die Vermittlung einer befreundeten Rumänin im Vorfeld hatte kleine Wunder bewirkt. Jetzt heißt es nur noch schnell essen und den Platz so fix wie möglich verlassen, bevor sich die Dinge im letzten Moment noch einmal anders entwickeln können. Nach einem Tankstopp kurz nach der Grenze können die 900 Kilometer quer durch Rumänien begonnen werden.

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Noch ein kleiner Rekord . . .

Um 21:45 Uhr setzt sich der Konvoi auf Rumäniens Straßen in Bewegung. Die Fahrschichten sind eingeteilt, Nasenbär übernimmt neben der Navigation nun auch die wichtige Aufgabe, die Trucks vor Schlaglöchern und gefährlichen Situationen zu warnen. So kann der Tross zügig und möglichst sicher eine Strecke bewältigen, die Mensch und Material alles abverlangt. Auch in diesem Jahr machen wir die Erfahrung, dass die kürzeste Distanz nicht unbedingt die zeitlich optimalere Entscheidung ist. So erging es auch dem Navi-Team-Mitglied Karl Kemper, der den Konvoi auf dem kürzesten, aber nicht schnellsten Weg über die Karpaten schickt. Immerhin eröffnet sich den Fahrern eine atemberaubende Landschaft. Dennoch schafft es der Transport die Reststrecke in erstaunlich kurzer Zeit zurückzulegen. In bester Stimmung fährt Enniger am Sonntag um 16:30 Uhr in Tulcea im Donaudelta ein. Ebenfalls Rekord!
Und hier die Fakten: Fahrtdauer insgesamt: 47 h 30 min; reine Fahrtzeit: 39 h; Kilometer insgesamt: 2370 Km
Und das alles unfallfrei - Gott sei Dank!

Rumänien 2005

Meister der Improvisation

In Tulcea werden die Rumänienfahrer von unserem Ansprechpartner vor Ort vom Deutschen Forum, Richard Wagner, herzlich begrüßt und zu ihrer Unterkunft begleitet. Schon über Handy hatte er den "Roten Engeln" mitgeteilt, dass sie in diesem Jahr woanders ihr Basis-Camp errichten müssten. Der Ort liegt näher an der Stadt, hat sogar eine recht ansprechende Sanitär-Möglichkeit, ist aber eine nicht für sich abgeschlossene Einheit. Das Raumangebot ist für Zelte und Fahrzeuge ein wenig beengt. Dies und einige andere Umstände fordern das ganze Improvisationstalent gerade der Handwerker heraus. Schließlich steht das Camp vorbildlich und die erschöpften "Engel" überlassen sich dem Genuß an Chefkoch Andreas Spitthövers Menü. Ein Wermutstropfen an diesem Abend: die Spätschicht des Zolls sieht sich außerstande während ihres Dienstes unsere LKW zu entplomben.

Rumänien 2005

Unfreiwillige Freischicht

Nach erholsamen Schlaf (schaukelfreier Schlafsack) wacht das Team am Montag bei wunderschönem Wetter, aber bitterkaltem Wind auf. Obwohl unsere Verpflegung in verplombten LKW lagert, schafft es der Chefkoch aus den Resten ein klasse Frühstück zu zaubern. Alle sind ausgeschlafener gestärkt, bereit und motiviert, es könnte losgehen, wenn nicht . . .
Natürlich, der Zoll lässt uns warten. Selbst die Umstände, dass es sich um einen humanitären Hilfsgüter-Konvoi handelt, die Fahrer 48 Stunden unterwegs waren, der Zeitplan für die Hilfsaktionen minutiös geplant ist und alle Fahrer für dieses Projekt eigenen Urlaub einsetzen, scheinen die hiesigen Zollbeamten nicht zu verlässlicher und zügiger Abfertigung zu motivieren. Rumäniens langer Weg in die EU!
Das Team sitzt nun und wartet, schmeißt Organisationspläne um, hofft dass die Beamten wenigsten am Mittag einmal vorbeischauen und vertreibt sich die Zeit mit Geselligkeit. Prost!
Dennoch, der Optimismus ist gut und die eigene Motivation bleibt ungebremst. Herzliche Grüße in die Heimat!

Tulcea, den 25. April 2005; 11:05 Uhr MESZ

Rumänien 2005

Start mit Verzögerung

Schließlich kommen sie doch - die Beamten des rumänischen Zolls. Gegen zwölf Uhr fährt der Wagen an unserem Basiscamp vor. Der Beamte löst die Plombierungen der LKW, schaut sich die Güter an, wiegt bedenklich den Kopf und konfrontiert uns mit einer Fülle von Bedenken und Problemen. Am Ende besteht er darauf, uns zu unserer ersten Endladestation zu begleiten. Mittlerweile ist es 13 Uhr und der Konvoi fährt zur Lagerhalle des deutschen Forums im Hafen von Tulcea. Dort werden die Familienpakete und Lebensmittel für die Stiftung Beatrix mit flinken Händen und gutem Teamwork in die Halle gebracht. Der Zollbeamte prüft stichprobenartig und zeigt sich schließlich geneigt, nach eingehenden Verhandlungen die erforderlichen Bescheinigungen auszustellen. Die konkrete Hilfe kann nun endlich anrollen.

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Ein Dorf auf den Beinen

Es ist fast so als ob man zu guten alten Bekanten kommt. Als wir gegen 16:30 Uhr in Malcoci eintreffen, erwarten uns schon etliche Dorfbewohner. Spannung und Vorfreude spiegeln sich in den aufgeregten Stimmen der Kinder und Alten, der Jugendlichen und Frauen wider.
Die LKW werden vor der Dorfkirche positioniert, und die Verteilung von den Helfern vorbereitet. In Malcoci sollen für über 400 Familien Kleidungs- und Lebensmittelpakete verteilt werden. Das bedeutet für die Roten Engel z.B., im schmalen Laderaum des Auflieges von den Paletten alle Lebensmittel in Tüten aufzuteilen. Das Verteilen selbst geht immer mit einigen Aufgeregtheiten einher. Keiner möchte vergessen werden und der eine oder andere stellt sich gerne auch ein zweites mal an. Dass alles seinen korrekten Verlauf nimmt, dafür sorgen unsere rumänischen Mitarbeiter - in Malcoci sogar die Bürgermeisterin. Neben der anstrengenden Arbeit gehen die Blicke der Rumänienfahrer immer wieder in die Gesichter der Menschen. Und jeder denkt dabei wohl, das sich alle Strapazen doch gelohnt haben. Um 22:30 Uhr haben wir unser Tagewerk getan und kommen nicht umhin, der Einladung einiger Dorfbewohner in die improvisierte Dorfkneipe zu folgen. Gerade Jugendliche suchen das Gespräch mit uns und vermitteln uns dabei ganz unterschwellig, man sei eine besondere Persönlichkeit. Um 0:00 Uhr erreichen wir schließlich das Basiscamp, wo fix die erste warme Mahlzeit des Tages zubereitet wird.
Die meisten "Engel" fallen nach dem Essen gegen 2:00 Uhr todmüde in den Schlafsack.

Rumänien 2005

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Hilfe zur Selbsthilfe

Nach der Lösung der Zollprobleme, macht sich eine kleine Gruppe von fünf Rumänienfahrern auf den Weg, um nach Malcoci zu fahren. Dort wollen sie nicht Hilfsgüter verteilen, sondern sie fahren zum kleinen Haus des Forums, das von uns vor 2 Jahren errichtet worden ist. Wie freudig ist die Überraschung, als wir das Haus liebevoll gepflegt und eingerichtet vorfinden. Man sieht es dem Haus an, dass es rege benutzt wird. Unsere Aufgabe besteht nun darin, einen Kühl- und einen Lagercontainer aufzustellen. Beide sind von uns die lange Strecke von Enniger hierher gebracht worden. In Zukunft sollen sie dazu dienen Gerätschaften und Lebensmittel aufzubewahren. Gerade die Lebensmittel weisen auf unser besonderes Projekt in diesem Jahr hin: eine voll funktionsfähige kleine Bäckerei einzurichten. Dazu werden an diesem Nachmittag die Punktfundamente gegossen. Gleichzeitig wird begonnen, einen Raum zu verfliesen, in dem die Bäckerei aufgestellt wird. Unter tatkräftiger Hilfe rumänischer Mitarbeiter wird das Werk begonnen.

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Das vergessene Dorf

Umpacken, so lautet das erste Kommando des neuen Tages. Für die Stationen in Baltini und Nufaru gilt es die LKW so umzuladen, dass alles für die Verteilung möglichst optimal steht. Dann geht es in das kleine Fischerdorf Baltini, das direkt an der Donau gelegen ist. Die landschaftliche Schönheit kann nicht über die unglaubliche Armut der Menschen hier hinweg täuschen. Bis vor zwei Monaten gab es noch nicht einmal einen präparierten Weg zu diesem Ort, weshalb wir es auch das "vergessene Dorf" nennen. Immerhin ist es dieses mal möglich, mit unserem LKW direkt zum Ortseingang zu fahren. Was zunächst als schwieriges, aber mögliches Manöver aussieht, entwickelt sich dann schnell zu einem wahren Drama. Als der LKW die planierte Schotterstrasse zum Dorf verlässt und er auf den kleinen Platz einbiegt, versinkt er schon ein wenig im Sand. Jedes Manöver lässt den LKW am abfallenden Gelände tiefer einsinken. Schließlich hat er sich komplett fest gefahren. Nun beginnen dramatische Augenblicke: Mit Hilfe der aufgeregten Dorfbewohner wird alles unternommen, um das Fahrzeug frei zu bekommen. Nichts gelingt. Schließlich wächst die Erkenntnis, dass dieses Problem nur mit Hilfe eines zusätzlichen Fahrzeugs gelöst werden kann. Die Dorfbewohner versuchen von außerhalb einen Traktor zu organisieren, da in Baltini selbst niemand so etwas besitzt. In der Zwischenzeit beginnen wir mit dem verteilen der freudigst entgegengenommenen Hilfsgüter. Hier geht alles sehr viel gelassener zu. Man kennt sich untereinander, und die Bewohner wissen, dass wir genug für jeden einzelnen haben. Gegenseitig hilft man sich, Kleidungspakete und Lebensmittel in die Häuser und Hütten zu tragen. Fast ist es ein bisschen wie Volksfest. Uns wird verraten, dass am kommenden Sonntag das orthodoxe Osterfest beginnt. Für die Menschen würde es in diesem Jahr ein besonderes werden. Immer wieder sind es besonders die Kinderaugen, die uns anrühren. Westi verteilt Schokolade und wird fast genötigt, dutzende Autogramme zu geben. Passend zum Ende der Verteilung kommt aus dem Nachbarort ein Traktor an. Zwar wird nun viel Staub aufgewirbelt, aber es gelingt uns jetzt, den LKW recht unspektakulär heraus zu ziehen. Leider hat uns dies eine Menge Zeit gekostet, dem Dorf aber Gesprächsstoff für viele Tage geliefert.

Rumänien 2005

Rumänien 2005

Bei Nacht und Regen

Erst um 16:30 Uhr erreichen wir Nufaru, das zweite Dorf auf unserem Verteilungsplan. 450 Familien sind für Lebensmittel und Kleidung vorgesehen. Bereits bei der Ankunft stehen viele auf dem Dorfplatz und erwarten uns. Wir spüren hier ein etwas anderes Klima. Die Menschen sind drängender und es herrscht die Sorge, zu kurz zu kommen. Entsprechend schwierig gestaltet sich die Organisation der Verteilung. Was von unserer Seite aus recht schnell gehen könnte (eingespielte Handgriffe, klasse Team), dauert seine Zeit, da immer wieder diskutiert werden muss. Allmählich merkt man den Rumänienfahrern Spuren der Erschöpfung und Ermüdung an. Dennoch versuchen wir, allen Leuten bis zum Ende die Hilfe zukommen zu lassen. Gegen 20 Uhr stoßen unsere Handwerker aus Malcoci vom Fundamentieren und Fliesen zu uns. Problemlos fügen sie sich in die Teams ein und schließen die Lücken. Die Verteilung wird trotz einbrechender Nacht dank eigener "Flutlichtanlage" nicht beendet. Als dann auch noch der Regen anfängt, wird es für alle noch anstrengender. Aber die Menschen warten und geben nicht auf und so hören auch wir nicht auf. Schließlich ist es 21:30 Uhr bis wir die Heimkehr zum Lager antreten können. Wir freuen uns auf unser Abendessen und eine schöne Dusche. Allerdings müssen beides auf sich waren lassen, denn bei der Ankunft stellen wir fest, dass der Regen das Schlafzelt trotz Dränageteppich geflutet hat. Einige Luftmatratzen, Schlafsäcke und Kleidungsstücke sind durchnässt. Es hilft alles nichts, das Teamwork wird fortgesetzt. Eine Gruppe kümmert sich um das Abendessen, eine zweite um die nassen Gegenstände und eine dritte reinigt einen Auflieger damit die Betroffenen für die Nacht evakuiert werden können. Schnell fängt sich die Stimmung und die erste warme Mahlzeit des Tages ist wieder ein Mitternachtsmenü.
Aber das wichtigste bleibt, das unsere Hilfe ankommt, wir sichtlich Hilfe leisten können, das Team gesund und munter ist und die Stimmung nicht besser sein könnte. In diesem Sinne grüßen wir alle in der Heimat.

Tulcea, 27.04.2005 12.45 Uhr MEZ

Rumänien 2005

Der Tag der Kinder

Unser letzter Aktionstag vor der Abreise steht im Zeichen des Schwerpunkts unserer Hilfe für Kinder in Rumänien. Zwei Kinderwaisenheime, eines für Säuglinge und ein Behindertenheim drücken diesen Schwerpunkt aus! Darüber hinaus werden auch das einzige Lepraheim Europas und ein Seniorenheim am Rande der Stadt angefahren. Dieser Tag wird wohl am meisten prägen und die tiefsten Eindrücke hinterlassen.

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Verschlusssache Kind

Um die vielen Anlaufpunkte des Tages auch erreichen zu können, teilt sich das Team am frühen morgen auf. Hannes und Westi fahren nach Babadac. Dort wohnen die Kinder des in Isaccea aufgelösten Waisenbereichs, den wir in den vergangenen Jahren stehts angefahren haben. Die Stadt liegt ca. 50 km von Tulcea entfernt und das Waisenheim steht zum ersten mal auf unserer Projektliste. Als Hannes und Westi in Babadac ankommen werden sie daran errinnert, dass in Rumänien Kinderheime einfach anders aussehen als bei uns. Das Gebäude unterscheidet sich von außen im Grunde gar nicht von den anderen ringsumher. Immer wieder fallen die Gitter vor den Fenstern in den unteren Stockwerken auf. Die Tristesse und Lieblosigkeit des äußeren werden auf den ersten Blick im inneren nicht fortgesetzt. Die Räume, die uns gezeigt werden, sind sauber und gepflegt. Die Kinder machen einen natürlichen und unbefangenen Eindruck. Zu acht teilen sie sich einen großen Raum, was aber in Rumänien insgesamt anders als in Deutschland empfunden wird. Doch sind es gerade die Details, die uns aufmerken lassen und die Unterschiede drastisch vor Augen führen. So ist z. B. die Tür eines jeden Schlafraumes mit einem Riegel versehen. Während des Mittagsschlafes - und darum vermuten wir das auch zu den Nachtzeiten - werden die Kinder eingesperrt. Auch das Spielzimmer wirkt merkwürdig steril. Dennoch - die Kinder haben ein sehr natürliches und herzliches Verhältnis zu den Erziehern. Anders als bei uns scheinen hier Waisenheime immer noch mehr Verwahranstalten als Erziehungs- und Wohnorte zu sein. So fragwürdig die (fehlende?) Pädagogik zu sein scheint, so deutlich wird uns die Aufgabe, diesen Kindern Zeichen der Hilfe und des Wahrnehmens zu schenken. Den 55 Kindern und Jugendlichen im Alter von drei bis zwanzig Jahren hinterlassen wir Lebensmittel wobei z. B. die Trinkjoghurts schon sofortige genussvolle Freude auslösen. Den Höhepunkt bilden zweifelsfrei die selbst gestrickten Pullover, Socken und Handschuhe der Handarbeitsgruppe unseres Heimatvereines. Auf der Stelle werden die Sachen anprobiert und ausgetauscht. In diesen Momenten wissen wir, wie gut es ist, was so viele Menschen in Enniger tun.

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Menschen am Rande

Eine Gesellschaft im Umbruch macht Gewinner und schafft Verlierer. Dies können wir an vielen Stellen in Rumänien unmittelbar erleben. Aufkommender Reichtum, deutliche Verbesserung in der Wirtschaft und Verschönerung von Gebäuden und Anlagen stechen genau so ins Auge wie die Verarmung und schlechte Lebensqualitäten eines nicht unerheblichen Teils der Bevölkerung. Uns wird klar, das der bevorstehende Aufschwung des Landes auch in Zukunft an vielen Menschen vorbei gehen wird. Zu einer dieser Gruppen gehören mittellose, sich selbst nicht helfen könnende Senioren. Eine andere Gruppe sind Menschen die krankheitsbedingt besonderer Pflege bedürfen. Sie sind wie die Menschen, die im letzten Abteil eines sehr langen Zuges sitzen. Bis der Ruck des Aufbruchs auch sie erreicht sind alle anderen Wagen bereits angefahren. So gilt unsere Unterstützung mit Kleidung und Lebensmitteln einem Seniorenheim in Tulcea und Europas letztem Lepraheim.

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Mit singen und klatschen

Der andere Teil des Teams steuert das Behindertenwohnheim in mitten von Tulcea an. Es ist eine etwas herunter gekommene Wohngegend, die noch viel Resignation ausstrahlt. Das Gebäude ist ein armseliges unter vielen armseligen. Der Zuweg für unseren LKW ist äußerst schwierig. Bei der Verteilung der Hilfsgüter sind diskret zwei Sicherheitskräfte anwesend, die den neugierig näher kommenden Nachbarn und Roma klar machen, dass die Hilfe den behinderten Bewohnern des Heimes gilt. Die Verteilung verläuft zügig. Die Betreuer des Hauses und sogar einige Bewohner helfen kräftig mit. Die Lebensmittel werden eingelagert, die Kleiderpakete sortiert. In der Eingangshalle werden wir spontan von Gesängen und rhythmischem Klatschen der behinderten Menschen begleitet. Wir verteilen und klatschen mit. Am Ende dürfen wir noch eine besondere Gabe oben drauf legen: für jeden gibt es eine grüne Westfalia Kappe und ein von der Kleiderstube Ennigerloh gespendetes Sanitärpaket mit Handtuch und Kulturtasche. Diese Menschen und ihre Lebensumstände, die stille und einfache Freude darüber, dass sie wahrgenommen und beschenkt werden, rühren uns an und hinterlassen deutliche Spuren. Zum abschließenden, gemeinsamen Gruppenfoto zeigen sie stolz Kappe und Tasche! Bei einem Abschiedslied für uns verlassen wir das Wohnheim.

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Leuchtende Augen und freudiges Gewusel

Schon in den vergangenen Jahren war uns das Kinderheim in Tulcea ein Herzensanliegen. Das liegt zum einen an den Kindern selbst und zum anderen auch daran, dass wir von der Leitung und Betreuung einen ausgesprochenen positiven Eindruck haben. Im Grunde sind es zwei Wohnheime die direkt nebeneinander liegen. In einem ersten Gebäudekomplex werden Säuglinge und Babys bis zum Alter von drei Jahren gepflegt. In dem unmittelbar daneben liegenden Heim leben die Kinder und Jungendlich bis zu einem Alter von 20 Jahren. Man spürt, dass Erzieher und Kinder einen guten Draht zu einander haben. Die Einrichtung ist einfach und liebevoll gestaltet, die Atmosphäre ist lebendig. Schon bei unserer Ankunft werden wir von einem kleinen "Rudel" aufgeregter Kinder begrüßt. Schnell spricht sich unsere Anwesenheit herum. Binnen kürzester Zeit herrscht aufgeregtes Gewusel um uns herum. Wir werden gefragt, sollen Namen lernen und wiederholen, fotografieren und uns als Opfer ihrer kleinen Streiche und Lustigkeiten zur Verfügung stellen. Als wir beginnen, auszuräumen, recken sich viele kleine Hände zur Hilfe entgegen. Jetzt müssen wir erst einmal das Chaos in umsichtige Bahnen lenken. Die Kinder drängeln sich gerade zu auf. Jeder will mithelfen, die vielen "Schätze" ins Haus zu tragen. Auch hier werden Lebensmittel eingelagert, Kleiderpakete zur Sortierung vorbereitet und Spielzeugpakete in den entsprechenden Räumen untergebracht.
Riesig freuen wir uns schon auf den Augenblick, wann wir die Süßigkeiten unserer Sternsinger, die Kulturtaschen der Kleiderstube und die Westfaliakappen verschenken dürfen. Zuvor machen wir nach dem anstrengenden Ausräumen eine kurze Pause. Diese wird natürlich waidlich ausgenutzt. Wir werden gezogen und gezupft, angesprungen und sogar liebevoll umarmt. Besonders ein kleiner Junge, der schnell ins Herz geschlossen wird, hat es uns angetan. Völlig selbstverständlich setzt er sich neben Dieter Fiehe, guckt ihn vertrauensvoll an und kuschelt sich an ihn. Danach geht er auch noch zu den anderen "roten Engeln" und umarmt diese und quatscht mit einer Freude munter drauf los, dass wir zwar nicht wissen, was er sagt, ihn aber dennoch verstehen. Unsere Herzen gehen auf. Unbeschreiblich der Tumult, der entsteht als wir die Überraschungen verteilen! Sebastian und Tobias müssen immer wieder in die Kulturtaschen schauen, die ihnen stolz und aufgeregt entgegen gehalten werden. Auch die anderen Mitglieder des Teams sind richtig gerührt. Zum Abschluss dürfen wir noch zu den Babys ins Nachbarheim gehen. Auch hier entdecken wir die uns mittlerweile vertraute liebevolle Pflege der Kleinsten. Wir verteilen ein wenig Schokolade und baden in leuchtenden Kinderaugen. Muss man mehr noch sagen...

Rumänien 2005

Hilfe, die ankommt

Immer wieder sind es so viele Eindrücke die wir an einer Fahrt aus Rumänien mit nach Hause nehmen. Nachdenkliches, Anrührendes, Wütend machende Situationen, Unverständliches und Beschämendes sind davon nur ein Teil. Der Aufwand und die Anstrengungen sind so groß, dass wir uns auch stets fragen, was unsere Hilfe bewirkt und ob sie sich lohnt. Der Ärger mit dem Zoll und viele Unzulänglichkeiten vor Ort können einem da schon den Mut nehmen. Erleben wir aber, was passiert, wenn wir unsere Hilfsgüter direkt in die Hände der Menschen legen, wissen wir, dass es Sinnvoll ist, was wir tun - in einer gewissen Weise vielleicht sogar notwendig. Auch wenn Rumänien 2007 in die EU aufgenommen wird, viele Gelder in das Land fließen werden, werden sie die Menschen, die wir erreichen, noch lange nicht berühren.
Darum versuchen wir, neben der Verteilung wohltätiger Hilfsgüter vor allem auch die Hilfe zur Selbsthilfe zu fördern. Am letzten Tag können wir so auch die kleine Bäckerei in Malcoci einrichten. Sie soll neben der ganz praktischen Ausrichtung eben auch ein Zeichen der Ermutigung gegen die so tief sitzende Resignation sein. Wenn wir dabei helfen können, dass Menschen selbstbewußt ihre wirtschaftliche Situation verändern wollen und aus ihrer Schicksalsergebenheit erwachen, hätten wir ein großes Ziel erreicht. Die Bewohner des Dorfes haben gesehen, wie sich acht Leute ohne Eigennutz darum bemühen, Räume herzurichten und mit ihren eigenen Händen einen 400kg Ofen abladen - mit viel Schweiß und Anstrengung. Und genau dies regt ja auch sie zum Nachdenken an und bleibt nicht ohne entsprechenden Eindruck. Im gemeinsamen Arbeiten an der Entstehung der Bäckerei wächst ja auch gegenseitiges Verstehen, und die Leute vor Ort begreifen, dass wir nicht nur Krumen unseres Wohlstands abgeben wollen. Die Armut vieler in dieser hintersten Gegend Rumäniens wird noch eine ganze Reihe von Jahren bedrückend für nicht wenige Leute und mahnend für uns sein. Von der Notwendigkeit weiterer Hilfe besonders im Donaudelta sind wir nach unserem gerade auch kritisch hinterfragenden Aufenthalt sehr überzeugt.

Rumänien 2005

Zurück in eine andere Welt

Der Donnerstag steht ganz im Zeichen des Abschieds und Aufbruchs. Während Dominik, Hannes und Günther zusammen nach Isaccea fahren, um dem ehemaligen Waisenheim, das wir so viele Jahre unterstützt haben, einen zufrieden stellenden "Kontrollbesuch" abstatten, bauen die anderen des Teams das Basiscamp ab und machen die Fahrzeuge für die Rückreise abfahrbereit. Schließlich verabschieden wir uns von unseren Partnern vom Deutschen Forum um Richard Wagner herzlich, mit der Zusicherung, gezielte Hilfe auch 2007 bereit zu stellen. So trennen wir uns mit einem "Aufwidersehen".
Alle Fahrzeuge werden noch einmal aufgetankt und um 15:15 Uhr setzt sich der Konvoi Richtung Heimat in Bewegung. Die Rückfahrt verläuft bislang ohne Probleme. Um 15:35 Uhr des nächsten Tages erreichen wir die ungarisch - rumänische Grenze. Nach nur einer Stunde Aufenthalt werden wir komplikationsfrei durch gewunken. Die ungarisch - österreichische Grenze überqueren wir gegen null Uhr. Mit Navigationshinweisen, einem ungewöhnlichen Quizspiel und vieler Gespräche fahren wir sicher durch die Nacht, um um 4:24 Uhr wieder in Deutschland zu sein. Gegen 09:30 Uhr unterbricht ein kurzes und einfaches Frühstück unsere Heimreise am Rastplatz Rhön. Viele Handygespräche kündigen bereits unsere Ankunft in Enniger an. Hoffentlich werden auch die letzten Kilometer unfallfrei sein. Auf jeden Fall - wir freuen uns wieder nach Hause zu kommen. Im Gepäck bringt jeder seine eigenen Gedanken, Bilder und Eindrücke mit. Und insgeheim stellt jeder fest, das nicht nur seine Hilfe etwas verändert hat, sondern das auch etwas in ihm verändert wurde.

Die A2 bei Gütersloh den 30. April 2005 13:15 MESZ